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Hanna Seipelt

Heiligabend.

Was an diesem Tag ist eigentlich genau heilig?, stöhnt Frida, als sie mit Mühe einem Stapel Geschenke für die Kinder ausweicht, der das ganze elterliche Schlafzimmer in Besitz zu nehmen droht. Im Geiste geht sie zum wiederholten Mal ihre To-Do-Liste durch: Aufräumen. Gänsebraten und Kartoffelknödel zubereiten. Tisch decken. Dafür sorgen, dass alle ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben. Wie immer. Die Frida, die macht das schon, – was ist sie nur für eine wunderbare Gastgeberin! Stets freundlich, gut gelaunt – ganz die perfekte Ehefrau und Mutter.

Den ganzen Vormittag ist sie schon allein in ihrem Häuschen am Stadtrand von Berlin, das Jan für sie beide ausgesucht hatte. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte, fünf Jahre müsste das jetzt auf den Tag genau her sein: «Jetzt, wo du schwanger bist, brauchen wir etwas Größeres.»

Sie hat zugestimmt. Vielleicht hat sie in letzter Zeit etwas zu oft ‹ja› gesagt. Ja, geh nur vormittags mit den Kindern auf den Weihnachtsmarkt, ich schaffe das hier schon. Ja, laden wir doch Oma Anita und Opa Bernd an Weihnachten zu uns ein. Klar kann dein Bruder David auch kommen. David, der sich hier wie jedes Jahr einnistet, keine Geschenke für die Kinder dabei hat und das ganze Haus durch seine arrogante Art einzunehmen scheint. Sie fröstelt bei dem Gedanken an ihren Schwager ...

Ihr Blick bleibt an der roten Küchenuhr hängen, die ihre besten Tage hinter sich hat. Im Grunde bin ich wie diese Küchenuhr, sagt Frida laut und erschrickt, als ihre Stimme im leeren Haus hallt. Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, ganz so als könnte sie die Gedanken einfach fortwischen.

Das laute Schrillen der Türglocke holt sie abrupt in die Realität zurück. Ausgeschlossen, dass es schon die Familie ist. Hierhin verirrt sich doch eigentlich keiner – schon gar nicht an Heiligabend, seufzt Frida und öffnet langsam die Tür. Draußen stehen drei fremde Gestalten. Ein Mann mit schwarzem Bart, eine Frau mit rotem Kopftuch, an der Hand ein Kind – fünf Jahre alt ist der Junge vielleicht... „Bitte?“ fragt sie zaghaft, und denkt insgeheim „Das sind doch welche von den Flüchtlingen, Syrer, sie leben wohl drüben in der Turnhalle der Schule.“ Schnell nimmt sie sich vor, die Tür sofort wieder zuzuwerfen, sofern die sich verdächtig verhalten sollten. Aber die junge Frau lächelt schüchtern, streckt ihre Hand vor mit einem Blatt Papier. „Einladung“ steht darauf. „Gemeinsamer Abend zum Kennenlernen. Ab 19.00 Uhr, Mensa der Paulusschule“ Nun spricht der Mann: “Bitte kommen, mit uns essen, wir kochen“.

Wie soll sie sich nur verhalten? Sie mag nicht unhöflich sein, aber kann sie gerade heute fortgehen? Die Erwartungen der anderen gehen ihr durch den Kopf. „Ich muss noch den Tisch decken, da fehlt auch noch Dekoration. Die

Gans ist im Ofen, aber die Kartoffelknödel muss ich noch machen. Gleich kommen sie alle, dann geht das Gerenne von mir los, bis alle versorgt sind!“
In ihrem Inneren krampft sich alles zusammen. Wäre dieser Abend doch nur schon vorbei! Die Kinder werden wieder streiten, weil der eine angeblich mehr bekommen hat, als der andere, sie würde wieder schlichten müssen und Berge von Papier und Schleifen entsorgen und gleichzeitig aufpassen, dass die Gans nicht verbrennt. Dann will wieder keiner mit ihr singen, alle wollen ihr Geschenk und einen Wein, und den Fernseher an, und keinen Rotkohl, sondern frischen Salat, und wo sind denn noch Teelichter und hast Du kein Salz an die Klöße getan, und wann gibt es Nachtisch, und David ist schon wieder blau und fordert einen anständigen Grog! Sie merkt, dass sie Weihnachten allmählich hasst!

Der kleine Junge greift nach ihrer Hand, lächelt sie zutraulich von unten her an „Bitte“ sagt er dabei „Bitte“.
„Warum eigentlich nicht?“ denkt sie da, „Kann ich nicht um 20.00 Uhr wieder hier sein? Oma Anita und Opa Bernd kommen ja erst dann, und wir müssen mit unserem Weihnachtsessen sowieso warten, bis sie da sind!“

Schnell entschlossen sagt sie „Ja, ich komme!“ Die drei Besucher strahlen sie an. „See you“, sagt der fremde Mann „Thank you“, und die Frau neigt leicht den Kopf. Die drei wenden sich um und gehen die Straße hinunter zur Flüchtlingsunterkunft. Nachdenklich schaut Frida ihnen nach. Aber dann handelt sie entschlossen. Die Gans wird noch einmal begossen, der Herd abgedreht, der Tisch schnell fertig gedeckt, die Geschenkpakete aus dem Schlafzimmer geholt und unter dem geschmückten Baum aufgestapelt. Dabei fällt ihr der selbstgestrickte Schal für Oma Anita in die Hände. „Sie hat noch nie etwas von dem getragen, was ich ihr in endlosen Stunden gestrickt habe!“ fällt ihr dabei ein. „Nein, den nehme ich der jungen Frau mit!“ Da hat sie das Paket mit den teuren Nike-Turnschuhen für den arroganten David in der Hand. „Der hat sich noch nie für unsere Geschenke bedankt! Nein, die nehme ich dem freundlichen Syrer mit“, überlegt sie, und schaut sich um, was für den kleinen Jungen bei diesen Geschenken übrig sein könnte. Da ist das ferngesteuerte Auto für ihren Tom, das Jan ausgesucht hatte. Es ist klar, dass Tom sich nicht so recht drüber freuen würde, er wünschte sich ein Mountainbike, wie sein Nachbarfreund eines hat.
„Also, das Auto nehme ich für den kleinen Syrer-Jungen mit, Tom werde ich das Mountainbike versprechen, das kann er selbst mit aussuchen gehen!“
Und schon ist sie im Mantel, hat eine Einkaufstasche mit den Geschenken gefüllt, und macht sich auf den Weg, die Straße hinunter.
Die Mensa der Schule ist hell erleuchtet. Die Flüchtlinge aus der Unterkunft sitzen an den Tischen, es duftet vielversprechend nach fremden Speisen. Sie wird freundlich begrüßt, ein Mann kommt auf sie zu: „Herzlich willkommen, ich dolmetsche hier, fragen Sie nur, wenn sie etwas nicht verstehen!“ Das Ehepaar, das an ihrer Tür geklingelt hatte, kommt auf sie zu. Die Frau mit dem roten Kopftuch strahlt sie an, genauso, wie der kleine Junge an ihrer Hand.

Schnell übergibt sie der Frau ihre Geschenke. Zögernd nimmt diese sie an. Aber der Kleine hat schon das Paket aufgerissen und jubelt über das Auto, rennt zu seinem Vater, lässt sich erklären, wie man es lenkt, und ist sofort vertieft in das Spiel gemeinsam mit anderen Kindern, die neugierig angelaufen kommen.

Man bietet ihr einen Platz an, drückt ihr einen Teller mit einem Bulgur-Salat in die Hand. Vorsichtig probiert sie. Es schmeckt wunderbar. „Dieses Rezept muss ich haben!“ ist sofort ihr Gedanke. Auf den Tischen stehen dampfende Schüsseln und man zeigt ihr mit Gesten, dass sie sich bedienen solle.

An der Wand sitzt ein Afrikaner auf einem Hocker und schlägt eine Trommel, andere singen in fremder Sprache einen rhythmischen Singsang dazu.
Die Stimmung ist locker. Plötzlich fühlt sie sich inmitten der fremden Laute, vielfachen Stimmen, die sich lebhaft in Sprachen unterhalten, die sie nicht versteht, in all dem Lärm und den unbekannten Gerüchen so wohl und heimisch, dass der Gedanke, sie müsse wohl bald heimkehren, ihr richtig zuwider ist.

Jan wird verärgert sein, wenn er heimkommt, und sieht, dass sie nicht da ist.
Er verlässt sich ja in allem auf seine Frau. „Was ist bloß in sie gefahren!“, wird er denken, oder ihr auch laut vorwerfen, dass sie den heiligen Abend verderben würde, weil nun alles nicht so reibungslos klappt, wie alle es erwarten.
„Egal“, sagt sie sich, „Diese kleine Auszeit ist mir heilig!“ Und erst nach einiger Zeit verabschiedet sie sich von ihren Gastgebern, nimmt gerne die kleine Schüssel mit dem Bulgursalat mit, die man ihr aufdrängt, und es wird ihr richtig warm ums Herz, als der kleine Syrer-Junge auf sie zu rennt und sie zum Abschied herzlich umarmt. Sein Vater zeigt lachend auf die neuen Nike- Turnschuhe an seinen Füßen. Sie scheinen ihm genau zu passen.

Auf dem Weg nach Hause singt sie leise vor sich hin. Das Lied aus ihrer Kindheit: „Weißt Du wie viel Sternlein stehen..“ ist auf einmal in ihrem Sinn. „Nicht gerade ein Weihnachtslied“ tadelt sie sich, aber es fühlt sich so tröstlich, so fröhlich, so anheimelnd an.
Heute Abend würde sie nichts mehr aus der Ruhe bringen!

Ende