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Foto: Ines Sommerkorn

Hanna Seipelt

 

Der goldene Fluss


Es war im Jahre 2009, als man in Oldenburg am Markt das altehrwürdige Gebäude der LzO hinter der Schlosswache abriss. Die Schlosshöfe sollten entstehen, aber vorher fanden auf der großen Fläche vor der Schlosswache Ausgrabungen statt. „Schaut mal hier!“ rief einer der Archäologen, „Ein interessanter Fund!“ er hielt einen tönernen Topf empor, der unversehrt und fest verschlossen war.

Behutsam wurde das alte Gefäß anderntags geöffnet. Es war sorgfältig mit Bienenwachs ausgekleidet und versiegelt. „Na, der Topf ist grob geschätzt 400 Jahre alt!“ meinte der Archäologe und zog sorgsam einige Dokumente heraus. Es handelte sich um Zeichnungen. Sie zeigten eine Burg mit kämpfenden Soldaten, dann das Symbol der Sonne mit langen schrägen Strahlen, die auf Wellen, also Wasser trafen, und schließlich eine Karte mit Flussläufen, die durch einen schmalen Graben miteinander verbunden waren. Dann fand sich noch ein Blatt mit der vereinfachten Darstellung eines Eimers und einer Schöpfkelle. Das Geheimnis des Topfes beschäftigte nun alle und schließlich wurde  ein alter geschichtskundiger Professor mit der Lösung des Rätsels beauftragt.

 

Der Professor grübelte viele Nächte über der Botschaft dieses Fundes.

Das Datum der Herkunft schien schnell gelöst, die Darstellung der Burg mit den kämpfenden Soldaten erzählte von der Zeit der Plünderungen, Überfälle  und Belagerungen der Burg, die im 14. und 15. Jahrhundert  an der Tagesordnung waren.

„Was hat es aber mit der Karte der Flussläufe auf sich?“ überlegte er, und erkannte fast im gleichen Augenblick in der schmalen Verbindung zwischen Stadtgraben und Haaren die Husbäke, die noch bis zum Jahr 1936 an dieser Stelle floss.

Der altertümliche Tontopf musste in grauer Vorzeit dort in der Husbäke versenkt worden sein! Was hatte der Vorfahr, der so handelte, der Nachwelt überliefern wollen? Und vor allem, welche Bedeutung hatten die anderen Zeichnungen? Das Rätsel ließ

Den Professor nicht los. Die Kirchturmuhr zeigte bereits Mitternacht, als sein Kopf müde auf die aufgeschlagenen Geschichtsbücher sank, in denen er die Antworten suchte. Es war ihm, als sinke sein schwerer Schädel in die Seiten des Buches hinein. „Schlafe ich und träume?“ fragte er sich noch, als es sich anfühlte, als löse sich nicht nur sein Haupt, sondern auch seine Schultern und Arme ganz auf und schwebten schwerelos in das gedruckte Werk hinein. Mit einem „Plopp“ rutschte der Rest des Körpers hinterher.

Fühlte es sich zunächst so an, als flöge er klitzeklein und flink zwischen den Zeilen hin und her, so wurde er im nächsten Augenblick ganz schwer und landete unsanft auf holperigen Pflastersteinen. Verblüfft riss er die Augen auf  und erkannte unscharf den Marktplatz in Oldenburg,

„Welcher Zauber wirkt hier?“ fragte er sich und rieb sich die Stirn. Erstaunt schaute er um sich. Von seinen Studien her erkannte er die Architektur aus der Zeit des 14. Jahrhunderts. „Zapperlot, bin ich wirklich in die Vergangenheit gerutscht?“ Er konnte es kaum glauben. Verwirrt betrat er eine Schankstube, wo noch Lichter brannten. Vom mürrischen Wirt verlangte er Papier und Bleistift, war aber nicht verwundert, als man ihm statt dessen einen Federkiel und Tinte brachte. Nachdenklich zeichnete er auf die übergebene Papierrolle die Symbole, an die er sich erinnerte: Eimer und Schöpfkelle, Sonne mit schrägen Strahlen, die auf Wasser fielen, Burg und Karte mit den Flussläufen.

Dann bat er den Wirt um eine Adresse, wo er ein Zimmer mieten könne....

Ihm wurde ein Haus in der Siedlung neben der Burg genannt, wo die alte Witwe Alma

wohne, die würde ihm gewiss Herberge bieten. So kam es, dass der alte Professor aus dem 21. Jahrhundert sich plötzlich im 14. Jahrhundert wiederfand. Er fand es höchst interessant, und ließ sich abends bei einem Humpen Bier viel von den anderen Gästen in der Schänke erzählen, über deren Lebensumstände und die Geschehnisse dieser Zeit.

Das waren die wichtigen Dinge, die er erfuhr: Die Bewohner der Siedlung rund um die Burg herum waren fleißige und sparsame Leute,  die, so es gelang, für Notzeiten manche Münze zurücklegten. Einige bewahrten sie im Strumpf unter ihrer Matratze, andere hatten eine kleine Kiste dafür in ihrer Wäschetruhe, die nächsten sparten im alten Milchkrug, der in der Küche auf der Borte stand. An und für sich war dieses Sparen lobenswert und sicher auch für den Fall des Falles nützlich. Nur waren Überfälle und Plünderungen an der Tagesordnung und die Plünderer fanden stets sehr schnell diese Verstecke. „Wir helfen uns wohl untereinander“, berichtete ein Tagelöhner, „Wer etwas übrig hat, leiht es auch einem Nachbarn, etwa wenn der eine Hochzeit ausrichtet oder ein neues Pferd und einen Wagen anschaffen muss, um seinem Geschäft nachgehen zu können. Wir vertrauen auf die Rückzahlung in Raten. Meist packt der, dem geholfen wurde, noch etwas drauf.“  Dann aber klagte er, die Armut würde immer größer und keiner habe mehr etwas zum Verleihen, weil ja alles immer gestohlen würde.

Das ließ den Professor nicht mehr los und er grübelte darüber nach, wie man hier Abhilfe schaffen könnte.

Nachdenklich ging er den anderen Tag am Flüsschen, das vom nahegelegen Hafen in die Siedlung hinein floss, entlang, an dem auch eine Wassermühle stand. Ganz in der Nähe des Turmes mit der Zugbrücke, die über den Burggraben führte, setzte er sich nieder und schaute auf die sanfte Biegung des Flusses. Die schon tiefstehende Sonne schickte ihre letzten schrägen Strahlen direkt in das Wasser hinein, so dass es golden schimmerte. „Zapperlot!“, entfuhr es ihm da, „Das ist es!“ und er hatte eine großartige Idee.

Am späten Abend berichtete er dem Schankwirt davon, mit der Bitte, diesen Vorschlag in der Siedlung schnell zu verbreiten. „Wer sparen will, soll mir seinen Teil übergeben, ich werde ihn verwahren und eine Liste führen mit euren Namen und dem jeweils übergebenen Anteil.“ Nun muss man wissen, dass im 14. Jahrhundert die Münzen gewogen und nicht einzeln nach ihrem Wert bemessen wurden.

Wer Geld benötigte, konnte von dem allgemein angesammelten Schatz dann ein oder zwei Maß erhalten und im Laufe der Zeit wieder zurückgeben. Die Leute vertrauten dem gelehrten Mann und so wurde der Vorschlag angenommen.

Der Professor versenkte die Münzen, die ihm übergeben wurden, nun regelmäßig heimlich dort in der Biegung des Flüsschens, wo das Wasser sehr still floss und es auch nicht sehr tief war. Hier war der Schatz bei Plünderungen sicher, denn niemand wusste davon. Benötigte jemand einen Teil, schöpfte der Professor mit einer langen Kelle

davon aus dem Wasser heraus in einen Eimer hinein. In seiner Stube trocknete er die Münzen, um sie in Beuteln abzuwiegen. Alle waren es zufrieden.

 

Manchmal, wenn die Sonne tief stand, funkelte nun die Stelle im Fluss wie flüssiges Gold von all den versenkten Münzen. Aber niemand ahnte etwas von dem Geheimnis. Man sprach jedoch allgemein nun immer vom „goldenen Fluss“.

Eines Tages erstand der Professor von einem Töpfer einen tönernen Topf mit einem Deckel, und von einem Imker eine große Menge Bienenwachs. Damit kleidete er den Krug gut aus, tat seine Zeichnungen hinein und versiegelte den Deckel mit flüssigem Wachs. Dieses Gefäß mit seinen Aufzeichnungen versenkte er an der gleichen Stelle, wo der Geldschatz, der auf dem Grund des Flüsschens ruhte, allmählich anwuchs.

 

In der Burg lebte aber ein uralter Wahrsager, dem man nachsagte, dass er magische Kräfte habe, so dass man sich sehr vor ihm hüten müsse. Der hatte argwöhnisch das Handeln des Professors verfolgt und aus der Kammer im Turm heraus beobachtet.

Er hatte das Erscheinen dieses Mannes vorhergesehen und in seinen Karten gelesen, dass dieser aus der fernen Zukunft kam. „Dem werde ich schon das Handwerk legen!“ murmelte er in seinen langen Bart. „Ungut ist es, wenn Geschichte und Schicksal mutwillig verändert werden sollen!“ Und er beschloss, einen kräftigen Zauber zu entwickeln, um den unwillkommenen Besucher in seine eigene Zeit zurück zu befördern.

Und – was soll man sagen – es gelang ihm! Jedenfalls fast, denn: Als der Professor eines Abends wieder über seinen Büchern saß, erlebte er, wie schon damals, diese Müdigkeit, so dass sein Kopf auf die Seiten fiel. Und wieder war es, als löse er sich auf und als ob er klitzeklein und schwerelos zwischen den Zeilen umher flöge. Und dann wurde er schwer und „Plopp“ schlug er hart auf dem Pflaster des Oldenburger Marktplatzes auf.

Aber der Zauber des Wahrsagers war wohl nicht stark genug gewesen, um die Zeitreise bis in das 21. Jahrhundert gehen zu lassen.

 

Der Professor rieb sich die Augen und konnte kaum fassen, was er sah, als er sich umschaute. Wo vorher die alte Schankwirtschaft gewesen war, erblickte er jetzt ein stattliches Rathaus mit einer Gastwirtschaft im Keller. Wo vorher die Burg sich ausbreitete  gab es jetzt ein großes Schloss, und der Burggraben mit der Zugbrücke war verschwunden. Am Marktplatz stand ein gewaltiger Hallenbau mit einem Oberlicht im Dach. Auch wenn in seiner Zeit diese Kirche völlig anders aussah, erkannte er darin die Lambertikirche. Gegenüber  vom Schloss befand sich ein schönes Gebäude mit vier Säulen unter dem Vorbau, das er als die Schlosswache erkannte.

 

„Zapperlot“, entfuhr es ihm, „Jetzt bin ich wohl im 18. Jahrhundert gelandet!“ Er rappelte sich mühselig auf und lenkte seine Schritte zum Ratskeller hin. Wie bereits bei seiner ersten unfreiwilligen Zeitreise ließ er sich hier einen Krug Bier bringen und fragte, wo er ein Zimmer mieten könne. Es verwunderte ihn nun nicht mehr, als man ihm eine Adresse in der Burgstraße nannte, wo eine alte Witwe wohne, bei der er gewiss unterkommen könne.. Und auch dieses Mal ließ er sich abends von den Gästen in der Wirtschaft von den Lebensumständen der Stadtbewohner und den Geschehnissen dieser Zeit erzählen.

 

Er traf Kammerräte des Herzogs Peter an ihrem Stammtisch, und erfuhr, wie die Stadt in den vergangenen drei Jahrzehnten kräftig gewachsen sei, trotz aller Beengtheit innerhalb ihrer mittelalterlichen Grenzen. Es war Wohlstand eingekehrt. Die Garnisonsstadt verfügte über viele Schneider-, Schuster- und Schlachtermeister und natürlich auch Tischler- und Bäckermeister. Es gab eine „Oberschicht“, welcher der Bürgermeister, ein Advokat, ein Apotheker, der Rektor des Gymnasiums und mehrere Kaufleute angehörten. Aber dann gab es viele am unteren Rand der Gesellschaft angesiedelte Gruppen: Tagelöhner und Gesellen, Höker und Bierzapfer, Fuhrleute,

Nachtwächter und Viehhirten, Dienstmägde und einfache Handwerker.

 

Als er dem Gespräch der hohen Herren weiter lauschte, wurde er hellhörig: „Da wollen nun die Angehörigen dieser Unterschicht sich tatsächlich eigenen Wohlstand schaffen!“ ereiferte sich der eine. „Tatsächlich fordern sie, sich Erspartes gegen Zins anlegen zu können, wie es die Kaufleute tun!“ empörte sich der andere. Da mischte sich der Wirt ein: “Ich habe gehört, in Hamburg soll es jetzt eine Ersparungskasse geben, die auch an Dienstboten und Seeleute Sparbücher ausgibt, damit sie von ihrem Lohn und ihrer Heuer etwas zur Vorsorge im Alter und bei Krankheit  sicher zurücklegen können!“

„Papperlapapp,“ mischte sich der Kanzleirat ein „Wo kommen wir da hin, wenn jetzt die kleinen Leute die Bankgeschäfte machen wollen!“

Der Professor wurde nachdenklich. Ihm fiel die Zeit im Mittelalter ein, als die arme Bevölkerung ebenso sehr bestrebt war, für ihre Versorgung  im Alter etwas zu sparen. Damals, zu dieser Zeit, waren die Überfälle und Plünderungen bei Kämpfen um die Burg ihr Verhängnis gewesen. Alles wurde gefunden und geraubt. „Wie gut funktionierte damals mein Plan mit der Sammelstelle im goldenen Flüsschen“, dachte er, „Alle brachten ihr Erspartes zu dieser einen Stelle, und konnten bei Bedarf daraus schöpfen.“

Und er beschloss, sich dafür einzusetzen, wieder eine solche Stelle zu schaffen. Allerdings in dieser Zeit ganz pragmatisch in Form einer Sparkasse, welche die Spargroschen annahm, und später mit einem kleinen Zins in einer Summe wieder auszahlte.

 

Am nächsten Tag machte er einen ausführlichen Spaziergang durch das Städtchen Oldenburg und staunte nicht schlecht über die Veränderungen. Er suchte den Hafen auf, und ging die Haaren entlang, und suchte und fand die Hausbäke. Die sanfte, in der Abendsonne schimmernde Biegung des Flüsschens fand er nicht mehr. Wo mochte der von ihm versenkte Tontopf ruhen? „Er wird wohl tief im Schlamm versunken sein“ grübelte er.

 

Zu seiner großen Freude nahm die notwendige Entwicklung ganz von selbst ihren Lauf. Es dauerte keine fünf Wochen, bis eine Nachricht sich in Windeseile  verbreitete: Die erste Oldenburger Ersparungskasse war gegründet worden!

 

An diesem Abend nahm er zur Feier dieses Ereignisses  mehrere Gläser Rotwein im Ratskeller zu sich und schwankte ziemlich benebelt zurück in sein Logis bei der Witwe.

Als er sich niederlegte, war es ihm, als schwanke nicht nur das Bett, sondern der ganze Raum. Es erfasste ihn ein Schwindel sondergleichen, es fühlte sich an, als löse er sich ganz auf und schwebe durch den Raum. Seine Bücher lagen wie immer aufgeschlagen auf dem Tisch. Die gedruckten Seiten zogen ihn magisch an und „Schwupp“ war er klitzeklein zwischen die Zeilen geraten.

 

Wir kennen den Ausgang der Geschichte: mit einem fürchterlichen Ruck schlug er unsanft auf dem gepflasterten Marktplatz auf.

„Zapperlot, hoffentlich bin ich jetzt in der richtigen Zeit gelandet!“ rief er aus, denn er hatte mittlerweile große Sehnsucht nach seinem gewohnten Zuhause und nach seiner Frau. Was für ein ein Glück! Da war die große Baustelle, wo demnächst die Schlosshöfe entstehen sollten. Schloss, Lambertikirche und Marktplatz sahen genauso aus, wie er es gewohnt gewesen war. Und auf den Straßen waren Autos zu sehen. Ohne Zweifel, er war wieder zurück im 21. Jahrhundert! Zufrieden machte er sich auf den Weg zu seiner Wohnung in der Burgstraße. „Was werden die Archäologen staunen, wenn ich ihnen die Bedeutung der Aufzeichnungen in diesem Tontopf erläutere!“ dachte er noch, und beschloss, sich dafür einzusetzen, dass das Gefäß der Landessparkasse übereignet werden solle. Im neuen Gebäude der Sparkasse am Berliner Platz gäbe es gewiss einen guten Platz um ihn in der großen Eingangshalle in einer Vitrine auszustellen!

 

 

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